Frauenmahl in der St. Georgenkirche Rötha

Diskussion beim festlichen Speisen im Rahmen der Lutherdekade

In Erinnerung an Tischgespräche im Hause des Reformators, an denen – obgleich als einzige Frau – auch seine Gattin Katharina beteiligt war, wird bei einem festlichen Essen über das Wirken von Frauen in Kirche und Gesellschaft diskutiert. Meist angeregt durch einen Impulsvortrag über regionale Personen oder Ereignisse, in dessen Mittelpunkt der weibliche Beitrag zur Entwicklung der Reformation steht.

Welche Rolle die als gelehrt, begabt und wohltätig charakterisierte Henriette Catharina von Gersdorff geb. von Friesen auf Rötha in der Geschichte spielte, können Sie als Teilnehmer vor Ort ausführlicher erfahren. Ihr Leben begann am 6. Oktober 1648 – wenige Tage vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Wie in Rötha hatten verheerende Zerstörungen das wirtschaftliche und soziale Leben in ganz Europa fast völlig zum Erliegen gebracht und nur die Hälfte der Bevölkerung überlebte. Auch in der Religionsfrage waren die blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Katholischen Liga des Kaisers und Protestantischer Union ohne entscheidendes Ergebnis geblieben.

Komplizierte, langwierige Friedensverhandlungen folgten, an denen im Auftrag des Sächsischen Kurfürsten auch Carl von Friesen, Henriette Catharinas Vater, teilnahm. Der Frieden war für ihn ein hohes Gut, dem er auch mit der 1668 begonnenen Umgestaltung des Röthaer Schlosses im frühbarocken Stil sichtbaren Ausdruck verlieh. Als Präsident des Oberkonsistoriums unterstanden Carl von Friesen alle Kirchen, Schulen, und Univeritäten. Er war sehr gebildet und unterhielt enge Kontakte zu Gelehrtenkreisen, die auch in seinem Haus verkehrten. Den Friesens war es sehr wichtig, dass nicht nur ihre Söhne sondern auch ihre Töchter gleichermaßen ausgezeichnete Bildung erhielten. So konnten sich die Begabungen Henriette Catharinas voll entfalten.

Als Sprachtalent beherrschte sie mindestens acht Sprachen. Ihre in Latein oder deutsch verfassten Dichtungen, die sogar gedruckt wurden, dienten als besondere Geschenke bei Königen und dem Kaiser. Ihre Lieder fanden Eingang in Gesangbücher. Für gute Bildung, auch für Mädchen und Frauen, hat sich Henriette Catharina von Friesen auch nach Ihrer Heirat mit Nikol von Gersdorff, Geheimer Rat und Diplomat in kurfürstlich sächsischen Diensten, immer besonders stark engagiert. Als wichtigste Reformbewegung seit der Reformation förderte sie den Pietismus mit seinen Anliegen einer individuellen Beziehung zu Gott, der Mission und dem sozialen Engagement. Jeder sollte seine Bibel besitzen.

In der Lausitz, wo Henriette Catharina die Güter ihres Ehemannes bewirtschaftete, wurde sie zur Verlegerin der Bibel auf sorbisch und trug zur Alphabetisierung bei (was im Themenjahr „Reformation – Bild und Bibel“ nicht unerwähnt bleiben sollte). Henriette Catharina von Gersdorff nahm regen Anteil an der Arbeit August Hermann Franckes in Halle und unterstütze die entstehenden Stiftungen finanziell. So auch durch die Zuführung vor allem von Schülerinnen aus Familien von Glaubensflüchtlingen. Der Einsatz für Exulanten war ihr zeitlebens ebenfalls besonders wichtig. Auch der mit ihrem Bruder zusammen als eine der ersten sächsischen Bildungseinrichtungen für Töchter adliger Herkunft gegründete Magdalenenstift in Altenburg diente diesem Zweck. Ihre Nachkommen wirkten mit Unterstützung Henriette Catharina von Gersdorff weiter in ihrem Sinn.

Der Katharinenhof in Großhennersdorf, aufgebaut von ihrer Tochter, Henriette Sophie, und die Herrnhuter Brüdergemeinde, das Werk ihres Enkels Nikolaus Graf von Zinsendorf, sind am bekanntesten. Im Rahmen der Veranstaltung werden Sie in der St. Georgenkirche auch eine der beiden Röthaer Silbermannorgeln hören können, die ein Neffe Henriette Catharinas, der sächsische Generalleutnant Christian August von Friesen, 1721/1722 in Auftrag gegeben hatte.

Text: Gabriele Kämpfner